Letzte Aktualisierung am 8. Juli 2019 um 16:38

Die Ankündigungen von Facebook eine Kryptowährung auf den Weg zu bringen, hat für einige Aufregung gesorgt. Die einen sehen darin einen bedeutenden Schritt zu einer breiten Akzeptanz von Kryptowährungen, andere warnen vor noch größeren Einfluss Facebooks und der für die Entwicklung und dem Betrieb verantwortlichen Libra Association. Doch was genau steckt dahinter, wie funktioniert Libra Coin und ist die Aufregung gerechtfertigt?

Im Whitepaper wirbt Facebook mit edlen Motiven: „banking the unbanked“, also Menschen ohne Bankkonto Zugang zum bargeldlosen Zahlungsverkehr zu ermöglichen. Eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftlichen Fortschritt gerade in unterentwickelten Ländern.

Heutzutage sind Smartphones und Internet auch in diesen Regionen weit verbreitet, entsprechend viele Menschen nutzen Facebook. Die perfekte Infrastruktur für einen Facebook Coin, wie das Projekt ursprünglich genannt wurde. Naheliegend wäre eine Integration in den Facebook Messenger, um direkt Zahlungen an Facebook-Freunde tätigen zu können. Jedoch sollen Daten aus Finanztransaktionen und dem sozialen Netzwerk nicht zusammengeführt werden, was aus Perspektive des Datenschutzes problematisch wäre. Überwachen soll diese Trennung Calibra, ein für diesen Zweck gegründetes Tochterunternehmen. Derzeit gibt es nur ein eigenständiges Wallet, ohne Integration in andere Applikationen.

Was ist ein Libra Coin?

Die Verkaufserlöse des Libra Coin sollen in nicht näher genannte Leitwährungen und Staatsanleihen investiert werden. Das soll ihm international eine hohe Stabilität verleihen. Das ist untypisch, üblicherweise weisen Kryptowährungen keine entsprechende Deckung auf. Durch den Mix an Währungen und den beigemischten Anleihen ist Libra auch kein Stablecoin, sondern hat eher den Charakter eines risikoarmen Investment Fonds. Damit würde sich Libra zur Wertspeicherung eignen, einer wichtigen Eigenschaft von Währungen.

Wer kontrolliert Libra Coin

Facebook hat die Entwicklung des Libra Coins angestoßen. Weiterentwickelt und betrieben wird er von der Libra Association, einer gemeinnützigen Organisation mit Sitz in der Schweiz. Wie genau die Association die Entwicklung steuert und welche Kontrollmechanismen umgesetzt werden ist noch nicht bekannt. Derzeit arbeiten die Gründungsmitglieder an der Ausarbeitung der entsprechenden Regelungen. Diese kommen aus verschiedenen Branchen und Ländern und sollen Neutralität bei Entscheidungen sicherstellen.

Technische Umsetzung

Die technischen Details sind vage. Im Whitepaper heißt es sinngemäß, dass eine Public Blockchain angestrebt wird, da nur so garantiert werden könne, dass Libra im besten Interesse des Users agiere. Da die technischen Voraussetzungen für hohe Geschwindigkeit und Skalierung noch nicht gegeben seien, werde man zunächst mit einer Permissioned Blockchain starten und nach ca. 5 Jahren auf Permissionless Public Blockchain umstellen.

Mit Move wird eine eigenen Programmiersprache entwickelt, die die sichere Entwicklung von Smart Contracts ermöglichen soll. Ebenso soll zu einem späteren Zeitpunkt eine Identity Lösung integriert werden.

Die Validierungsknoten werden initial von den Gründungsmitgliedern betrieben. Für den Betrieb eines Knotens müssen 10 Millionen US-Dollar als Sicherheit hinterlegt werden.

Chancen und Risiken

Libra ist der Versuch ein globales Zahlungsmittel zu etablieren. Das größte Hindernis für eine globale Akzeptanz von Bitcoin & Co im alltäglichen Zahlungsverkehr sind die hohen Wertschwankungen. Für Händler ist das ein großes Risiko, das nur wenige bereit sind einzugehen. Gleichzeitig werden Kryptowährungen nur selten zum Bezahlen verwendet, sondern in Hoffnung auf zukünftige Wertsteigerungen gehalten. Dieses Problem könnte Libra lösen und so tatsächlich eine globale Ersatzwährung werden. Das Versprechen Menschen ohne Konto Zugang zu einem Zahlungssystem zu ermöglichen könnte eingehalten werden.

Auf der anderen Seite wird die Libra Association zu einer extrem mächtigen Institution. Experten schätzen die Marktkapitalisierung zum Start auf 100 – 500 Milliarden US-Dollar.

Dieses Geld wird unter anderem in Staatsanleihen investiert. Über Staatsanleihen leihen sich Nationen Geld. Die Nachfrage nach solchen Anleihen hat Einfluss auf die Höhe des Zinssatzes. Durch große Transaktionen könnte die Libra Association die Höhe der Zinsen beeinflussen. Diese Macht würde bei steigender Verbreitung ständig zunehmen.

Darüber hinaus sind Währungen sind für Staaten ein wichtiges Instrument das Wirtschaftswachstum zu steuern. Stark vereinfacht funktioniert das so: Über die Zinsen kann die Geldmenge gesteuert werden. Sind die Zinsen niedrig, werden mehr Kredite aufgenommen und mehr Geld ausgegeben. Dadurch können Unternehmen mehr produzieren und Arbeitsplätze werden geschaffen. Leider wird bei steigender Geldmenge auch die Kaufkraft weniger. Dadurch steigt z.B. nach einiger Zeit der Preis einer Tasse Kaffee von 1 Euro auf 1,10 Euro. Das wiederum bietet einen Anreiz sein Geld nicht für immer unter der Matratze zu horten, sondern fleißig auszugeben. Diese schleichende Entwertung der Kaufkraft war übrigens eine treibende Kraft von Satoshi Nakamoto Bitcoin zu entwickeln.

Je mehr Menschen ihr Vermögen in Libra umschichten, desto schwächer wird die Möglichkeit das Wirtschaftswachstum auf diese Art zu steuern. Es ist anzunehmen, dass dies von den meisten Staaten nicht einfach so hingenommen wird. Stärkere Regulierung wäre die Folge, von der auch andere Kryptowährungen betroffen sein könnten.

Fazit

Libra Coin könnte die erste Kryptowährung werden, die im großen Maßstab auch für alltägliche Zahlungen verwendet werden kann. Das könnte auch anderen Kryptowährungen zu mehr Akzeptanz verhelfen, ist doch die Anzahl aktiver Nutzer nach wie vor gering und die Skepsis weit verbreitet.

Auf der anderen Seite entsteht mit der Libra Association eine mächtige Institution. Wie sehr möchte man ihr vertrauen, selbst wenn man kein Freund der praktizierten Geldpolitik ist? Die Gründungsmitglieder kommen überwiegend aus den USA und viele haben bereits in unterschiedlichsten Bereichen für negative Schlagzeilen gesorgt. Ebenso sind regulatorische Gegenmaßnahmen wahrscheinlich, die negative Folgen für alle Kryptowährungen haben könnten.

Es bleibt abzuwarten ob es am Ende tatsächlich soweit kommt. Derzeit gibt es nicht viel mehr als ein Wallet, in dem Fake Coins zu Testzwecken hinterlegt werden können und das Versprechen, revolutionäre technologische Durchbrüche zu erzielen, ohne diese Vormachtstellung ausnutzen zu wollen. Auch heißt es im Whitepaper, dass „zentrale Bestandteile der Architektur noch erfunden werden müssen“. Erinnert etwas an die Blütephase der Whitepaper-ICOs, nur mit schlagkräftigen Akteuren die ihr Vorhaben selbst finanzieren. Es wird spannend zu beobachten wohin die Reise am Ende tatsächlich geht.

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Über den Autor

Ich bin seit 2012 in der Kryptoszene aktiv, die damals eigentlich nur aus Bitcoin bestand. Von Anfang an faszinierte mich die Blockchain-Technologie und die daraus entstehenden Möglichkeiten. Ich teilte mein erworbenes Wissen auf Vorträgen und in diversen Publikationen. Mittlerweile entwickelt sich das Ecosystem so rasant, dass ein Portal der nächste logische Schritt ist, um mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. So ist TheCoinscout entstanden. Hier möchten mein Team und ich Grundlagen vermitteln, aber auch aktuelle Entwicklungen analysieren. Du willst mehr erfahren? Hinterlasse einen Kommentar oder schreibe uns eine Nachricht!

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